Kaum waren die alten Protokolle sortiert, fing die Abfülllinie an, neue Geschichten zu zählen.
Der Hof blinkte, als hätte die Nacht Schluckauf: an aus, an aus – nicht hektisch, nur verkehrt. Gleichzeitig meldete Lukas Etikettenfehler. 120 statt 102. 041 statt 014. Zahlen stolperten, und auf jedem Stolperer rutschte mir die Laune einen Zentimeter nach unten.
„Phasenversatz“, sagte Sepp und hielt eine Steckdosenleiste hoch, die schon zu viele Abenteuer erlebt hatte. „I hab amoi g’schwind g’schwind…“
„Schnell ist der Cousin von schief“, sagte Inspektor Pröll freundlich. „Zeig uns die Strecke.“
Wir gingen den Weg der Flasche nach – vom ersten Kuss der Spülung bis zum letzten Streicheln des Etiketts. Wenn der Keller seine Arbeit zeigt, sieht es aus wie ein sehr höflicher Tanz. Am Sensor vor der Etikettierung hörte ich es rucken: ein kaum spürbares „tzz“, das trotzdem die Haut fand.
„Das Band macht Mikrohüpfer“, murmelte Johann. „Wenn die Kette flackert, zuckt die Lichtschranke mit. Zwei Impulse, ein Etikett, falsche Zahl.“
„Und wo wohnt der Fehler?“ fragte Lukas.
Pröll kniete hin, legte den Daumen an die Halterung. „Hier.“ Er drückte den Sensor einen Fingerbreit nach, so, dass er die Flasche berührte wie man eine Katze begrüßt: spürbar, nicht grob. „Jetzt zählt er nur, wenn wirklich wer da ist.“
Sepp räusperte sich. „Die Kett’n hängt am gleichen Kreis wia die… naja.“
„…wie die Maschine, die keine Witze mag“, half ich aus. „Wir trennen das. Heute.“
Wir legten Kabel neu, gaben der Lichterkette einen eigenen Kreis, verbannten Mehrfachstecker, die sich über die Jahre wie Efeu festgesetzt hatten. Dann fuhren wir die ABFUELLLINIE leer – ein sanftes Surren, als würde der Keller einmal tief tief durchatmen. Keine Ruckler. Zahlen liefen wieder brav in Reihe.
„Test mit Flaschen“, sagte Pröll. Ich setzte drei Dummys auf, Lukas startete. Das Band schickte sie vorwärts wie Schüler, die wieder wissen, wo die Tür ist. 102 blieb 102, 014 blieb 014. Niemand verdrehte mehr die Augen.
Beim letzten Test flackerte die alte Hofkamera einmal auf und fror ein. Auf dem Standbild blieb eine Silhouette mit einer langen Flasche, Schulter und Band zu erkennen. „Kein Gesicht“, sagte Pröll. „Aber genug, um dran zu bleiben.“
„Und wenn’s wieder flackert?“ fragte Frau M., die halb filmte, halb nicht. „Die Kette ist schließlich eitel.“
„Dann flackert sie hübsch“, sagte Pröll. „Aber nicht dort, wo gezählt wird.“
Sepp schraubte die Steckdosenleiste ab, als wäre sie ein alter Groll. „Nimmer g’schwind g’schwind“, murmelte er und steckte die Schrauben in die Brusttasche – Trophäen, die man nicht zeigen muss.
Am Ende des Bandes blieb eine Flasche einen Atemzug zu lang stehen. Ich sah ein winziges Zittern am Etikett, so klein, dass man es mögen könnte. „Noch ein Millimeter nach rechts“, sagte Johann. „Und dann ist es nicht mehr hübsch – dann ist es richtig.“
Wir rückten. Der Keller fand seinen Takt. Draußen sang die Lichterkette wieder ein gleichmäßiges Lied, das nur auffällt, wenn es fehlt.
„Schreibst du die Fehlernummern um?“ fragte Nino.
„Nein“, sagte ich. „Die bleiben in der Schublade Erinnere dich. Damit wir das nächste Mal gar nicht erst anstecken, was nicht zusammengehört.“
Frau M. filmte ein letztes Mal das ruhige Band. „Sieht langweilig aus“, sagte sie.
„Perfekt“, sagte Pröll. „Langsam langsam ist die Superkraft der Abfüllung.“
Fortsetzung folgt: E09 – Schloss und Schlüssel (Finale) 18.01.23.
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